| Dem Kind verpflichtet |
![]() Am Institut für Waldorf-Pädagogik in Witten-Annen wird ein neues Konzept für die Klassenlehrerausbildung eingeführt. Ziel ist es, mit einer dualen Ausbildung den Anforderungen einer wachsenden Schulbewegung gerecht zu werden und die Chancen, die sich durch den so genannten Bologna-Prozess ergeben, zu ergreifen. Neuerungen sind hier neben der Einbeziehung der Schulen in die Lehrerausbildung die Modularisierung des Studiums, die Einführung eines Credit-Point-Systems sowie der Fokus auf den Erwerb von Lehrerkompetenzen. Zum Studienjahr 2009/2010 soll das Studium auf ein modulares Studium umgestellt werden, zum Studienjahr 2010/2011 soll die neue Studienordnung in Kraft treten. Ausgangsfrage war, wie ein am Kind orientierter Ausbildungsgang im Lichte der Akademisierung der Lehrerbildung und des so genannten Bologna-Prozesses realisiert werden kann. Als eine der wichtigen Innovationen ist hier die duale Ausbildung mit den beiden Ausbildungsorten Seminar und Schule zu nennen. „Ziel ist die Nähe der Ausbildung zum Kind einerseits und die Nähe der Schule zu Forschungs- und Entwicklungsvorhaben andererseits“, erläutert Gerd Kellermann vom Wittener Institut das Konzept. „Das am Seminar grundlegend Erlernte soll am Ausbildungsort Schule zur wirklichen Lehrerkompetenz werden“, so Kellermann weiter. Das duale Prinzip ist so angelegt, dass sich die Phasen am Seminar und der Schule abwechseln und gegenseitig befruchten können. Am Ausbildungs- und Arbeitsort Schule soll der Schwerpunkt auf dem Handeln und Reflektieren liegen. Aus Fragestellungen und Herausforderungen, die an der Schule entstehen, sollen Projekte für die Seminarphase entstehen. Am Seminar sollen Phasen der zweckfreien inhaltlichen Durchdringung und Ideal-Bildung stattfinden. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Erkennen und Entwickeln. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ausbildungsorten soll unter anderem in den Bereichen Grundlagen der Waldorfpädagogik, Bildung der Persönlichkeit, Grundlagen der Didaktik und Methodik und Selbstverwaltung entstehen. Der so genannte Bologna-Prozess stellt die Waldorflehrerbildung insgesamt vor eine Herausforderung. Durch Modularisierung und Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse soll eine europaweite Vergleichbarkeit der Ausbildungsgänge erreicht werden. „Wir ergreifen den Bologna-Prozess als Chance. Durch die Modularisierung wollen wir die Aneignung von Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Vordergrund stellen“, erklärt Gerd Kellermann den Prozess. Das Studium bleibt vergleichbar, die Studierenden werden mit Bachelor- und Masterausbildungen anderer Einrichtungen zusammenarbeiten können und die Absolventen werden weiterhin eine Genehmigung für den Unterricht an Waldorfschulen erhalten. Bedeutende Neuerungen sind neben den Modulen, die die bisherigen Organisationsgrößen wie Lehrveranstaltungen, Lernbereiche und Fächer ablösen, die so genannten „Credits“ sowie die „Kompetenzen“ und die „Leistungsnachweise“. Das „European Credit Transfer System“ gibt eine neue Maßeinheit für eine erbrachte Leistung in einer bestimmten Studienzeit (ein Credit entspricht 30 Stunden). Auf das Studium umgerechnet muss ein Studierender 300 Credit Points erarbeiten, die er durch Leistungsnachweise decken muss. Dies löst das bisherige Messen und Zählen von Semesterwochenstunden ab, was ein Maß für die Leistung der Dozenten ist. Damit wird auch stärker an die Eigenverantwortung der Studierenden appelliert. Bei den „Kompetenzen“ wird gefragt, was ein Student fähig ist zu tun, ob er eine Aufgabe fachlich und methodisch adäquat bewältigt. Jedes Modul beschreibt eine Hauptkompetenz und wird untergliedert in Teilkompetenzen. Diese entsprechen Arbeitsaufträgen. Die Erledigung des Arbeitsauftrages, das heißt die Leistung selbst ist der Leistungsnachweis. Es muss die geeignete Form gefunden werden, ihn zu bezeugen. Dieses Verfahren löst die Prüfung ab. Gerd Kellermann betont, dass bei allen sinnvollen Änderungen Mittelpunkt der Lehrerbildung bleiben muss, „(…) Phantasiefähigkeit zu entwickeln, Mut zur Wahrheit zu haben und sein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit zu schärfen.“ Dies seien die wichtigsten Forderungen an einen Menschen, der auf der Grundlage der Pädagogik Rudolf Steiners arbeiten möchte. Was bedeuten diese Neuerungen für die Schulen? „Wir wollen sicherstellen, dass die Qualität der Waldorflehrerausbildung hoch bleibt und sich an den Erfordernissen der Schulen orientiert. Gleichzeitig wollen wir ermöglichen, dass die Schulen Anteil an den Innovationen der pädagogischen Forschung haben“, stellt Kellermann dar. Mit der neuen Klassenlehrerbildung werden wichtige Schritte in diese Richtung gemacht. Peter Augustin |
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